Foundation Award Gewinner JOM

Zukunft formen

2016 hat das Architekturbüro JOM den Foundation Award gewonnen, den Schweizer Förderpreis für Jungarchitekten, der von verschiedenen Institutionen und Firmen unter der Federführung von ComputerWorks alljährlich vergeben wird. Wir haben mit den Bürogründern Philippe Jorisch, Stefan Oeschger und Michael Metzger gesprochen und wollten wissen, wie sie als Jungarchitekten die Zukunft sehen.

JOM 2017: Michael Metzger, Stefan Oeschger, Romina Janzi, Philippe Jorisch, Simon Schlegel, Julian Brües

Für die drei jungen Architekten von JOM gehört es zu den Aufgaben einer neuen Architektengeneration, sich mit den aktuellen Fragen ihrer Zeit auseinanderzusetzen. Deshalb veranstaltete das Büro bereits im Sommer 2015 Diskussionsrunden mit Kreativen aus Architektur, Raumplanung und Kunst, um über verschiedene Themen, Ziele und Visionen zu sprechen. Titel: „Generation 2015 – Wohin?“ An drei Abenden traf man sich im Büro von JOM im „Basislager“, einer Containersiedlung in Zürich Altstetten, die auf dem Brachland einer ehemaligen Abfalldeponie errichtet wurde.

Gefragt ist Hirnschmalz

Diskutiert wurden Fragen rund um die grundsätzliche Rolle der Architekten, die sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert hat. Bauen ist komplexer geworden, mehr Parteien sind daran beteiligt. Architekten müssen mehr vermitteln und koordinieren als früher. Und weil so viele Personen heute an Projekten beteiligt sind, werde die Rolle der Architekten heute gerne auf die des „Designers“ reduziert, quasi als Spezialist für Ästhetik. „Wir glauben, es ist wichtig, dass sich die Architektur gewisse Felder zurückerobert, zum Beispiel die Bauphysik, in der es heute nur noch um Zahlen geht,“ erklärt Metzger. Reduziere man Nachhaltigkeit einfach auf die Kennwerte, klammert man wichtige Aspekte aus. Auch der Architekt kann einen Beitrag zur Langlebigkeit leisten, wenn man den Begriff etwas weiter fasst. Jorisch und Metzger sind überzeugt, dass man mit architektonischen Mitteln Lösungen entwickeln kann, die gängigen Massnahmen nicht nachstehen oder gar überlegen sind.

Es spreche nichts dagegen, auch ein Mehrfamilienhaus ohne ausgeklügelte Haustechnik zu konzipieren, dafür mit einem traditionellen Doppelschalen-Mauerwerk, das Dampfdiffusion zulässt, und die Badezimmer mit Tageslicht erhellt. Denn berücksichtigt man die Langlebigkeit eines solchen Gebäudes und seine geringen Unterhaltskosten in der Gesamtrechnung, ist sein ökologischer Fußabdruck durchaus konkurrenzfähig.

„Ich glaube, die unkonventionelle Lösung hat Zukunft.“

Es sei aber nicht immer ganz einfach, dem Bauherren solch eine Lösung anstelle des neuesten Minergie A oder ECO-Standards zu verkaufen. „Ich glaube, die unkonventionelle, aber auf das Projekt, die Situation und den Bauherren abgestimmte Lösung hat Zukunft. Wir verkaufen eigentlich Hirnschmalz, den wir gemeinsam aufwenden, um sie zu finden,“ sagt Jorisch. Er ist überzeugt, dass es gerade Jungarchitekten mit ihren vielfältigen Interessengebieten leichter fällt, die ausgetretenen Pfade zu verlassen.

MFH Im Morgen Neu und Alt überlagert

Arbeitsteilung – Projektleiter, Kritiker und Pate

„Die wachsenden Ansprüche an unseren Berufsstand haben uns zur Zusammenarbeit in einer Gruppe angeregt, weil wir aufgrund unserer unterschiedlichen Ausbildungswege verschiedene Fähigkeiten mitbringen, die sich auf diese Weise gegenseitig befruchten“, meint Metzger. Die Diskussionen und Auseinandersetzungen sind zwar mitunter zeitintensiv, aber nicht selten führen sie zu etwas neuem Ganzen. Die Jury des Foundation Award schreibt in ihrer Urteilsbegründung: „Drei Partner aus verschiedenen Schulen suchen nach der Schnittmenge ihrer Herkünfte und dem aktuellen Architekturdiskurs. Sie zeichnen Grafiken und Skalen, sie entwerfen einen streng strukturierten Arbeitsprozess mit Projektleiter, Götti (Pate) und externem Kritiker.“

Ausdruck dieser Haltung ist der Büroname JOM, der auf Gründernamen verzichtet, was das Büro in den Fokus stellen soll, quasi unabhängig von den Personen, die im Moment dahinter stehen. „Früher standen in der Architektur einzelne Köpfe im Zentrum,“ meint Philippe Jorisch. „Bei heutigen Projekten mit ihren vielfältigen Ansprüchen ist Teamplay gefragt. Das setzt voraus, dass man die Sprache seines Gegenübers spricht und sich nicht hinter Fachausdrücken versteckt.“ Und Stefan Oeschger ergänzt: „Als junges Büro betrachten wir auch einen neuen Planungsprozess wie BIM als Chance, der die Kommunikation unter den Projektbeteiligten verbessern kann und dazu beiträgt, die Rolle des Architekten als Regisseur zu festigen.“

JOM Architekten GmbH

Aargauerstrasse 70
8048 Zürich

www.jom.ch

Das ist aber nicht das Ende aller Herausforderungen. Zum einen, weil eine gute Lösung immer noch eine gute Hülle braucht. Zum anderen, weil JOM davon ausgehen, dass abnehmende Ressourcen Einfluss auf das Bauen haben werden. Beton in ausreichender Menge wird in einer nicht allzu fernen Zukunft keine Selbstverständlichkeit mehr sein, weil die Herstellung viel CO2 produziert und zu viel Sand verbraucht. Welche Baumaterialien werden folgen? Und wie wirkt sich das auf das zukünftige Bauen aus?

Wir sehen BIM als Chance, die Rolle des Architekten als Regisseur zu festigen.“

Die Jungarchitekten sind überzeugt, dass diese Veränderungen das Ende einer Architektur bedeuten, die dem Design alles unterordnen kann. „Glastürme mit 50 Stockwerken produzieren zu hohe Kosten und zu viele Probleme. Sie werden in 50 Jahren genauso verschwunden sein wie heute Asbest,“ ist Jorisch überzeugt. Architektur werde gezwungen sein, mehr Rücksicht auf den Ressourcenverbrauch zu nehmen und es gehöre gerade zu den Aufgaben der neuen Architektengeneration, dafür zu sorgen, dass bei dieser Evolution die Gestaltung nicht auf der Strecke bleibt.

Startarchitekten statt Stararchitekten

Denn im Moment hat in der Schweiz der traditionelle Architekt noch eine Menge mitzureden, wenn es um die gestaltete Umwelt der Bewohner dieses Landes geht. Eine Situation, wie es sie in vielen Ländern, etwa in Nord- und Südamerika, längst nicht mehr gibt. Mit Unruhe beobachten JOM die Entwicklung, in der Architekten zu reinen Dienstleistern für Generalunternehmungen werden. Einige einflussreiche Beteiligte im aktuellen Architekturdiskurs pochen deshalb kompromisslos auf das Recht der künstlerischen Freiheit von Architekturschaffenden. Eine Forderung, die Jorisch und Metzger für unrealistisch und sogar gefährlich halten, weil sie zu wenig Rücksicht auf die Umwelt und die Menschen nimmt. Architektur müsse im Gegenteil wieder näher an die Gesellschaft rücken, wenn sie ihren positiven Einfluss auf die reale Lebenswelt nicht verlieren will. Auch das ist eine Aufgabe junger Architekten: Wieder mehr Akzeptanz und Beachtung für architektonische Themen in die Öffentlichkeit und die Politik zu tragen, auch wenn das mit einer höheren Kompromissbereitschaft von Seiten der Architekturschaffenden verbunden ist.

Letztlich zeigt sich auch in dieser Haltung das Prinzip des Teamplays, das JOM so wichtig ist. Es wendet sich bewusst gegen den mitunter ausufernden Starkult in der Architekturszene. JOM positioniert sich quasi in der Mitte eines Spannungsfelds, in dem sich Architekten befinden, besonders die Jungunternehmer: Zwischen dem Extrem des radikalen Künstlerarchitekten, der kein Jota von seinem Weg abweicht, und jenen Architekten, die ihre Zukunft als Dienstleister verstehen, die ihre kreative Arbeit in den Dienst der Anforderungen des Marktes oder eines Generalunternehmers stellen. Rund um all diese Fragen veranstaltet JOM im Sommer 2017 bereits die nächste Diskussionsreihe, dieses Mal unter dem Titel „Form 2050“. Je eine Vertreterin oder ein Vertreter aus dem Ingenieurwesen, aus der Bauherren-/Ökonomiewelt und aus Theorie/Wissenschaft sollen genau die Themen erörtern, die in der Politik der „Energiestrategie 2050“ – auf die der Titel anspielt – nicht angesprochen werden: Was bedeutet es, eine postfossile Architektur zu formen? Können nachhaltige Konzepte formgenerierend sein und was sind ihre gestalterischen Potentiale? Und welche historischen Vorläufer gibt es, was sind die technischen Möglichkeiten und welchen ökonomischen Nutzen versprechen sie? Man darf gespannt sein auf die Antworten, die Anfang Juli auf www.jom.ch zu finden sind.

bfw-Areal, Rorschach, Rendering

Und wie wollen sie selbst in 20 Jahren wohnen und arbeiten? In Zürich, auf jeden Fall, in einem coolen Mehrgenerationenhaus, multifunktional, mit anderen Leuten und einem Garten, meint Jorisch. Einen Garten möchte Metzger  auch, aber etwas abgelegener, vielleicht im umgebauten Bauernhaus im Jura. Und Oeschger bevorzugt etwas mit Bergsicht. Wo immer sie in 20 Jahren sind – wir hoffen, dass wir bis dahin von vielen interessanten Projekten aus dem vielversprechenden Büro berichten können.

Möchten Sie mehr erfahren über die Gewinner und die Preisträger aus den vergangenen Jahren? Oder Sie sind ein junges Büro und möchten selbst teilnehmen? Hier finden Sie alle Informationen, die Sie interessieren.